Säuren und Basen, und was das mit deiner Gesundheit zu tun hat. 

Ich stolpere immer wieder über ein bestimmtes Thema wenn ich mich mit Gesundheits-Themen beschäftige. Säuren und Basen. Basen-Fasten, Basen-Kochbuch, Basen-Pulver. Angeblich gibt es bei Amazon mehr als 150 Buchtitel und Produkte zu dem Thema. Scheint ja wirklich wichtig zu sein. Worum geht es? Unser Körper hat so etwas wie einen Säuren-Basen-Haushalt. Unser Blut hat einen ph-Wert und wenn der sich verändert, dann hat das dramatische, gesundheitliche Folgen. Stimmt.

Die These lautet: Es gibt bestimmte Lebensmittel, die zu einer Übersäuerung führen. Und das macht krank. Also sollst du diese Lebensmittel durch andere Lebensmittel ersetzen und alles wird gut.  Namentlich steht hier tierisches Eiweiß auf dem Index: Fleisch, Fisch und Milchprodukte. Die sollen deshalb nur selten und wenig gegessen werden. Dafür mehr pflanzliche Nahrungsmittel. Obst, Gemüse, Salat. Schon ist alles im Lot. 

Hm. Jedes Mal, wenn ich das höre, denke ich an ursprünglich lebende Eskimos. Menschen im ewigen Eis, die sich die meiste Zeit des Jahres ausschließlich von tierischen Lebensmitteln ernähren. Die müssten ja demnach ständig übersäuert sein und damit dann auch ständig krank. Sind sie aber nicht. Die sind kerngesund, extrem widerstandsfähig, Krebs und Herzinfarkt sind bei ursprünglich lebenden Inuit praktisch unbekannt. Also für mich stimmt an der Sache etwas nicht.

Was ist jetzt mit mir persönlich. Muss ich etwa ein schlechtes Gewissen haben? Ich konsumiere seit ich denken kann tierisches Eiweiß und zwar nicht wenig davon. Ich esse Fleisch und Fisch, auch Käse, Kefir, Quark und Naturjoghurt. Ich achte auf hohe Qualität, auf biologische Erzeugung, ich vermeide Fertigprodukte und Produkte aus Massentierhaltung – logisch. Aber darum geht es ja offenbar gar nicht. Tierisches Eiweiß für zu Übersäuerung und das macht krank, heißt es. Dabei wird dann gern unterschlagen, das auch Reis, Getreide, Nudeln, Vollkornbrot, Weißbrot und Mehl saure Lebensmittel sind, ebenso wie tierisches Eiweiß. Nun denn….

Also, das tierisches Eiweiß krank macht, gilt offenbar nicht bei mir. Ich habe jetzt bereits 2 mal eine 4-stellige Summe ausgegeben, um praktisch alles messen zu lassen, was man im Blut messen kann. Einmal bei Dr. Ulrich Strunz persönlich, in 2013, und zuletzt bei meinem hiesigen Arzt für Ernährungsmedizin und Molekularmedizin, Günter Hartner in Stuttgart. Dr. Strunz hat mich gefragt, was ich denn eigentlich bei ihm wolle  und Günter Hartner nannte mich den gesündesten Menschen, den er je in seiner Praxis hatte. Keine Spur von Übersäuerung. Nix, null. 

Ich habe mich niemals um meinen Säuren-Basen-Haushalt gekümmert und ich werde es auch in Zukunft nicht tun.

Allerdings ich bin neugierig. Ich möchte verstehen, worum es geht und darum habe ich versucht, mich dem Thema wissenschaftlich zu nähern. Um die Relationen zu überprüfen und ggf. zurecht zu rücken. An dem Ergebnis meiner Recherchen möchte ich dich hier teilhaben lassen. So kurz und knackig wie möglich.

Unser Blut hat einen ph-Wert zwischen 7,35 und 7,45. Das ist richtig und das ist wichtig. Ein konstanter ph-Wert ist lebensnotwendig für die Zellen und darum hält dein Körper über verschiedene Puffersysteme den pH-Wert immer in diesen engen Grenzen. Das Ganze nennt man den Säuren-Basen-Haushalt des Körpers. Im menschlichen Körper, also auch in deinem, entstehen ständig riesige Mengen an Säuren und Basen. Durch deinen Stoffwechsel, durch Bewegung und Sport und auch durch die Aufnahme von Säuren und Basen über die Nahrung. Dabei entsteht ein Überschuss von Säuren. Was da an Säuren anfällt wird im Blut zwischengespeichert und dann ausgeschieden.

Der Körper wird die überschüssige Säure wieder los…

  1. …durch die Ausscheidung über die Lunge, da wird CO2 abgeatmet
  2. …durch Umwandlung in der Leber
  3. …durch Ausscheidung über die Niere

So funktioniert ganz grob der Säure-Basen-Haushalt des Körpers. Das ist auch völlig unstrittig. Die These lautet nun, dass wir mit einer säurehaltigen Ernährung diesen Haushalt dem Gleichgewicht bringen. Die Frage lautet: Kann das stimmen? Ist das plausibel?

Schauen wir uns doch mal die Säure-Mengen an, die da anfallen, die zwischengespeichert und dann ausgeschieden werden. Die Einheit, mit der man die Säure-Aufnahme misst, lautet mmol, pro Mahlzeit oder pro Tag zum Beispiel. Nehmen wir mal eine Mahlzeit aus „sauren“ Nahrungsmitteln. Das sind im Übrigen nicht nur Fleisch, Fisch, Eier und Milchprodukte sondern ebenso – Achtung – Getreide und Reis, Mehl, Nudeln, Vollkornbrot, Weißbrot und Backwaren. Eine Mahlzeit aus den genannten Lebensmitteln bedeutet eine Säure-Belastung von ca. 20 mmol/Mahlzeit. Bei 3 Mahlzeiten reden wir über 60 mmol/Tag.  Okay.

Des Weiteren entsteht eine Säurebelastung zum Beispiel beim Sport. Die kann man über die Milchsäure messen. So beträgt die Säurebelastung durch einen 400m Sprint mehr als 100 mmol. Wie war das? Bei einem 400m Sprint entsteht 5 mal soviel Säure wie bei einer Mahlzeit aus „sauren“ Lebensmitteln? Ja so ist es. Dann sind Sportler ja schon mal höchst gefährdet oder?

Was kann der Körper denn so loswerden? Wie wird er denn fertig mit all der Säure? Über die Lunge werden in Ruhe, also ohne Belastung 14.000 mmol/Tag ausgeschieden. Bei Belastung bis zu 24.000 mmol/Tag. Die Leber eliminiert am Tag 1.000 mmol/Tag, bei Belastung bis zu 10.000 mmol/Tag. Die Nieren scheiden ebenfalls bis 1.000 mmol/Tag aus. Wenn wir das mal zusammen nehmen, dann scheiden Lunge, Leber und Nieren an einem normalen Tag rund 16.000 mmol an Säuren aus. Da der Säurespiegel ja immer gleich bleibt, müssen logischerweise auch 16.000 mmol/Tag im Körper entstehen oder zugeführt werden.

16.000 mmol/Tag an Säuren fallen also an über

  1. Ernährung
  2. Bewegung und Sport
  3. Stoffwechselvorgänge

Und von diesen 16.000 mmol/Tag können bis zu 60 mmol ! über meine Ernährung kommen, wenn ich mich eher Säure bildend ernähre. 60 von 16.000. Und diese 60 mmol soll mich krank machen? Diese höchstens 60 mmol/Tag bei 3 Fleischmahlzeiten oder 3 mal Brot oder Pasta, das sollen den Unterschied machen, zwischen gesund und krank? Das sind 0,4% von dem was ohnehin am Tag so eliminiert und ausgeschieden wird. Das ist so als ob der Elefant sich über die Mücke beklagt, die sich auf seinem Fuß niedersetzt. 

Kinder, das ist einfach nicht plausibel. Da klingelt mein Bullshit-Detektor. Unser Säure-Basen-Haushalt bestehend aus Blut, Leber, Nieren und Lungen wird mit ganz anderen Sachen spielend fertig. Zum Beispiel mit sportlicher Betätigung, die viel mehr Säuren produziert. Und sportliche Betätigung gilt ja gemeinhin nicht als gesundheitsgefährdent. Lass uns ehrlich sein. Sport gefährdet deine Gesundheit. Allerdings übertreffen die gesundheitlichen Vorteile die Schäden um ein Vielfaches. Und so ist es wohl auch mit guten, aber säurebildenden Lebensmitteln. Klaus Wührer hat in seinem Buch „Prohylaxe und Therapie durch artgerechte Ernährung“ ausgerechnet, das du 90 kg Fleisch pro Tag essen müsstest um deine Leber über die Eiweißlast an ihre maximale Pufferkapazität zu bringen. 450 Schnitzel am Tag. Mahlzeit.

Also, was bleibt übrig vom Mythos, das eine eiweißreiche Ernährung den Säure-Basen-Haushalt stört und daher krank macht. Nichts! Da wird wieder die sprichwörtliche Sau durchs Dorf getrieben…. Einer behauptet was und alle springen auf den Zug auf. Warum? Es wird mal wieder eine einfache Lösung angeboten. Fleisch weglassen, basisch essen und alles wird gut. Und damit sind wir wieder beim Thema Axt oder Schleifpapier. Ist das Thema wichtig? NEIN, ist es nicht. Die Beschäftigung mit dem Thema Säuen und Basen ist Schleifpapier für deine Gesundheit, für deine Fitness und Vitalität. Wenn du da noch Bäume zu fällen hast, dann schnapp dir eine Axt und lass das Schleifpapier liegen.

Wichtig ist nicht die Ernährungsmethode sondern das Ergebnis deiner Ernährung. Du darfst dich gut oder sehr gut mit allem versorgen, was dein Körper braucht. Das sind genau 47 Stoffe: 13 Vitamine, 6 Mineralien, 14 Spurenelement, 2 Fettsäuren und 12 Aminosäuren. Wenn du dich „artgerecht“ ernährst, kannst du alles andere deinem genialen Körper überlassen. Das heißt nicht, dass du nicht auf nicht auf eine gesunde Ernährung mit viel Gemüse und Salat achten sollst. Im Gegenteil. Gemüse, Gemüse, Gemüse ist auch bei mir die Grundlage meiner Ernährung. Das liefert mir in großen Mengen Vitamine, Mineralien und Spurenelement auch gute Fette und Aminosäuren. Und eine spezielle basische Ernährung brauchst du nicht. Im Zweifel, lass leere Kohlenhydrate wie das saure Brot, die saure Pasta und die saure Pizza weg.

Die Details, und vieles mehr, kannst du nachlesen im Buch „Prohylaxe und Therapie durch artgerechte Ernährung“ von Klaus Wührer.

Viel Spaß bei der Lektüre und bis zum nächsten Mal. Dein Ralf Bohlmann

Join the discussion 2 Comments

  • Regina Vossen sagt:

    Bei all dem, was mein Umfeld gelegentlich über „Säuren-Basen-Haushalt ins Gleichgewicht bringen“ oder „Engiftung“ erzählt, hatte ich seit einiger Zeit ein schlechtes Gewissen, weil mich das bisher gar nicht interessiert hat und ich es auch nicht verstanden habe. Als Zahlenmensch finde ich diesen Beitrag sehr beruhigend und ich versuche mir zu merken, dass man alles nachprüfen oder zumindest plausibilisieren sollte, bevor man einfach glaubt. Die Zahlen hier sprechen definitiv für sich. Ich frage mich, warum so viele Menschen diesen Unsinn so einfach glauben und sich auf diesen Hype setzen. Ist wohl das Phänomen der Lemminge.
    Entspannte Grüße sendet Regina Vossen

    • Ralf Bohlmann sagt:

      Liebe Frau Vossen, wenn es für jemanden funktioniert (Detox oder Basen-Fasten) dann ist ja alles gut. Ich finde es klasse, wenn sich jemand damit besser fühlt. Alles gut. 🙂 Die Beiträge sind für Menschen wie Sie, die sich unsicher fühlen und mit einem schlechten Gewissen herumlaufen. Müssen Sie nicht. Eine artgerechte Ernährung tut es auch. Wenig oder keine „leeren“ Kohlenhydrate, statt dessen Eiweiß, Fett, Vitamine, Mineralien und Spurenelemente. Alles andere macht sich der Körper dann schon selbst. Das funktioniert, seit es Menschen gibt.

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